Donnerstag, 9. Juli 2015

Der Pate


Endlich darf mit Superlativen um sich geschmissen werden, weil es sie nicht posthum verfasst werden, sondern es um die rechtzeitige Ehrung eines Mannes handelt, der epochalen Einfluss auf die deutsche Sprache hat. Für Pop-Literaten war Rainald Goetz immer der Pate. Aber er hat für so viel mehr Pate gestanden, noch so viel mehr Neues probiert und geschaffen, die webcam-hafte Bannung der Gegenwart ist seine. In BILD musste ich mich kurz fassen, deshalb heißt es hier, siehe oben: Wer in 1000 Jahren wissen will, wie wir lebten, muss Goetz lesen.

Aber bitte unbedingt auch die ernsthaften Elogen lesen, as Moritz Uslar is pointing out.


Freitag, 26. Juni 2015

It was great to have you



ERII ist wieder zuhause.

Nach einer ernsten, letzten Etappe, dem Besuch im 1945 von britischen Truppen befreiten KZ Bergen-Belsen. Hier ein beeindruckendes Bild von der Königin und Prinz Philip, wie sie nach der Kranzniederlegung nachdenklich durch die Lüneburger Landschaft schreiten 

Ich bleib dabei: Die Bundesrepublik hätte sich ein bisschen mehr ins Zeug legen können. Tiefpunkt: Die Spreefahrt auf einer abgewetzten Schaluppe, mit Selfies-machenden Bootsleuten in T-Shirts...

Gibt es hier überhaupt noch Leute irgendwo, die das protokollarische Handwerk verstehen?

Die englische Königin ist 89. Mehr und mehr gibt sie Amtspflichten an ihren Thronfolger ab. Sehr viele Reisen außerhalb des Commonwealth wird sie nicht mehr übernehmen. Dass sie gerade Deutschland noch einmal die Ehre eines großen Staatsbesuchs gab, war ein Zeichen außerordentlicher Freundschaft zu diesem Land. Großbritannien ist es zu verdanken, dass wir – als Heuss und Adenauer 1951 als Staatsgäste im Buckingham-Palast empfangen wurden – den Status als Aussätzige verloren haben. Carlo Schmid schrieb damals in einem Gastbeitrag für den „Guardian“: „Die Deutschen empfinden dies als das Ende ihres Status als moralisch geächtete Nation“. Bei ihrem ersten Staatsbesuch vor genau 50 Jahren durfte sich die junge Bundesrepublik endlich einmal mit Glanz und Gloria präsentieren. Es war die formelle Wiederaufnahme in die Weltgemeinschaft.

Now she is gone. Um 13.52 Uhr hob ihr Flugzeug ab. Chance vertan.


Mittwoch, 24. Juni 2015

Ze visit


Das dienstälteste Staatsoberhaupt der Welt kommt zum Staatsbesuch nach Berlin. 
Und wer holt sie am Flughafen ab? 

Der Bundespräsident? 
Die Bundeskanzlerin? 
Nein, das sieht das Protokoll nicht vor... wäre aber eine besondere Geste gewesen, angesichts der Tatsache, dass dies wohl einer der letzten Visiten außerhalb des Commonwealth ist, den Elisabeth II. nicht an ihren Thronfolger delegiert. Und mit Sicherheit ihr letzter Staatsbesuch in diesem Land. 

Also wen schickt die Bundesregierung, um die Queen am Flughafen Berlin-Tegel zu empfangen? Den Außenminister, wie es das Protokoll vorsieht? Als US-Präsident Obama vor zwei Jahren zum Staatsbesuch kam, empfing ihn, wie es sich gehört, Außenminister Westerwelle.

Nein, die Bundesregierung schickte den Protokollchef.
Traurig. Und ein diplomatischer Affront.

Der "Guardian" hat heute übrigens aus meiner BILD-Serie "Die Queen und die Deutschen" zitiert, um auf die politische Relevanz dieses Besuchs hinzuweisen. 

All das Fähnchenschwingen und Tschingderassabum darf nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Besuch fast schon ein Verzweiflungsakt der Londoner Regierung ist, um den Zug Richtung EU-Fiskalunion (lies: Auflösung der Nationalstaaten zu Gunsten eines europäischen Superstaates) aufzuhalten. Da wäre Großbritannien nämlich nicht dabei, zumal die Briten den Anstand haben, ihr eigenes Volk zu so einem Schritt befragen zu wollen. Merkel, Juncker & Co. wollen das freilich – ähnlich ihrer Griechenland-Politik – lieber unter sich ausmachen.

Sonntag, 21. Juni 2015

Windsoritis

Londons "Daily Telegraph" hat freundlicherweise meine Serie "Die Queen und die Deutschen" in seiner Berichterstattung über den bevorstehenden Staatsbesuch der englischen Königin aufgegriffen. 
Hier der Bericht der Londoner Kollegen.


Donnerstag, 28. Mai 2015

Sodomy! Read all about it!

In der Berliner Volksbühne fand gestern die Premiere von "Die 120 Tage von Sodom" statt. Brav traditionelles Bürgerschreck-Theater. Gähn. Immerhin gab mir BILD die Gelegenheit, zu erklären, dass es tatsächlich zur Ur-Tradition des Theaters gehört, Zuschauer vor den Kopf zu stoßen. Aristoteles in BILD zu würdigen ist jedenfalls immer wieder ein Vergnügen. Die Lektüre des ganzen Artikels kann man sich sparen. Aber den Ausschnitt mit Aristoteles möcht ich schon herzeigen. Hier isser. Wer wirklich Näheres über das Theaterstück erfahren will, dem empfehle allerdings diesen hier von André Mumot. 

Bemerkenswert ist übrigens, wie Alt-Linke (wie Houellebecq) plötzlich uns Reaktionäre in ihrer Verurteilung der gottlosen, moralisch entkernten Welt überholen. Der Regisseur des Berliner Theaterstücks, der Alt-Kommunist Kresnik, basiert seine Inszenierung ja auf Pasolini, dessen Skandalfilm aus dem Jahre 1975 eine Anklage der gottlosen Moderne war. Pasolini (ein großer Sünder und tief gläubig!) plante – was wenige wissen – um die Zeit seines gewaltsamen Todes ein großes Filmwerk über den Apostel Paulus. Der Drehbuch-Entwurf ist sehr berührend. Das Werk eines großen Gläubigen. Als Buch z.B. hier erhältlich.

Um beim Thema zu bleiben: Die Diskussion um diverse sexuelle Praktiken und Lebensmodelle findet auf erbärmlichen intellektuellen Niveau statt. Ich bin ja dafür, alle Verantwortungsgemeinschaften (also nicht nur die von Schwulen und Lesben, sondern auch die von zusammen lebenden Familienangehörigen - von allen also, die füreinander Verantwortung übernehmen) gesetzlich zu privilegieren. Man muss das ganze ja nicht gleich der Ehe gleichstellen oder es gar so nennen. Aber das soll hier egal sein. Gustav Seibt hat nun in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel verfasst, der das Niveau der Debatte deutlich nach oben korrigiert. Die Lektüre auf der SZ-Homepage ist leider kostenpflichtig. Aber es lohnt sich. Ein nicht von der Hand zu weisender Einwand gegen die Ausweitung der Ehe-Privilegien ist z.B. dieser: "Rechtsinstitute werden immer von sehr unterschiedlichen Personengruppen in Anspruch genommen werden, ohne ihren Kern zu verlieren. Es gab Gesellschaften, die den Frauen das Recht auf Eigentum verweigerten – am Rechtsinstitut des Eigentums änderte sich nichts, als es für beide Geschlechter galt." Good point.